Samstag, 28. November 2009

Monatsbericht Oktober 2009:
Was, wie Bitte..?! Schon über zwei Monate vergangen?!
Nachdem uns die ersten Wochen alle Arbeitsstätten des Projektes „Centro de Education Especial - Behindertenzentrum – Cajamarca/Peru“ gezeigt wurden, wir uns somit einen kleinen Einblick in eine mögliche Arbeit verschufen und die letzten vier Freiwilligen von ihrem Sprachkurs aus Lima eintrafen bekamen wir endlich unsere festen Arbeitspläne zugeteilt, bzw. suchten sie uns aus.
Seitdem rast die Zeit nur so. =)
Arbeit -ein Vormittag in Jesus:
Für Pia und mich stand fest, dass wir auf jeden Fall vormittags in der, ich nenn es mal Sonderschule arbeiten wollen. Das ist einfach mal etwas Anderes, als nur in der Stadt vormittags in der Schule und nachmittags in dem Heim zu arbeiten. Diese Arbeitsstätte bietet sehr viel Abwechslung und stellt selbst für die Chefin Melva eine neue Herrausforderung dar, da die Schule erst seit einem Jahr besteht und sich noch am ausprobieren ist.
Das Projekt steht noch in den Anfängen und wird vielleicht einst so erfolgreich wie die 300 umfassende Schule in Cajamarca – nur im kleinen, lokalen Rahmen. Melva arbeitete früher viele Jahre in der Behindertenschule. Mittlerweile ist sie nicht mehr nur unsere ´jeva´, sonder ist uns zu einer richtigen Freundin geworden.
Auf der Fahrt nach Jesus erlebt man jedes Mal etwas anderes – hier bekommt man echt noch das richtige Leben in Perú mit. Wir laufen ca. 20 Minuten zu dem kleinen Busbahnhof, an dem jede viertel, bis halbe Stunde Colectivobusse in Richtung Jesus abfahren. Manchmal sind diese kleinen Busse so überfüllt, dass man eigentlich meint keinen Platz mehr darin finden zu können. Man wird jedoch reingezwängt und findet in irgendeiner Ecke doch noch ein Plätzchen. Man wird lieb beäugelt und überhaupt nicht auffällig beobachtet, schließlich ist man ja Gringo, ein Extranjero, also Ausländer. Je nachdem wo man Platz gefunden hat bekommt man bemitleidenswerte Blicke zugeworfen, da man für seine langen Beine einfach mehr Platz bräuchte. Der Bus ruckelt los. Durch die Boxen ertönt laut und fröhlich Cumbia Musik. Wo man beim Einstieg doch schon dachte, dass eigentlich niemand mehr in den Bus reinpasst steigen auf dem Weg immer weitere Menschen ein. Langsam muss es doch wohl reichen, denkt man sich, doch weit gefehlt. Wir verlassen langsam die Stadt. Nun muss man auf seinen Kopf aufpassen, da die Strasse hier größtenteils unbefestigt ist und viele Schlaglöcher besitzt. Der Bus schafft sie zwar meistens zu umkurven, doch manchmal gibt es einen riesen Ruck. Der Bus hält. Die zusteigenden Passagiere werden zunehmend ländlicher. Nicht nur an ihren Klamotten, ihrem Gepäck, sonder auch anhand ihres Geruches gut erkennbar. Langsam stapeln sich die Menschen. Und während sich auf dem Dach Tüten voll mit Gemüse, Bausstangen, schwere Kartottelsäcken, Alphalphaberge (Hauptnahrungsmittel der Cuys/ Meerschweinchen) stapeln spürst du plötzlich etwas an deinem Fuß wild zappeln, du zuckst zurück und fragst dich welches Gefiehch da wohl in dem Sack zu deinen Füßen haust. Als du dich wieder von deinem Schock erholt hast und dich von dem Treiben und Leben in dem Bus losreisen kannst und aus dem Fenster träumst steht auf einmal eine riesen Herde gemischt von Rindern, Eseln und Schafen mitten auf der Strasse. Dieses Tatsache belustigt und beeindruckt Pia und mich einfach jedes Mal von neuem.
Endlich in Jesus angekommen begrüßen uns die Kinder fröhlich lachend und freuen sich jedes Mal, wenn ihre Freiwilligen kommen. Außer Pia und mir arbeitet auch Adam zwei mal die Woche in Jesus. Mittwochs und Donnerstags sind Pia und ich allein dort und Freitags mit Adama zusammen. Klar, drei Deutsche bei 10-15 Kindern ist nicht gerade ein guter Schnitt, aber wir sprechen fast nur Spanisch.
Der Vormittag sieht so aus, dass ersteinmal Zähne geputzt werden, dann wird spielerisch mit Aufgabenzetteln, verschiedenen Materialien versucht die Zahlen, Farben, Formen , Buchstaben, das Rechnen und Schreiben zu erlernen. Auch versuchen wir den Gehörlosen ein wenig die Senias-Sprache ( Zeichensprache) bei zu bringen. Melva, Pia, Dustin, Anna ( zwei weitere Freiwillige des Projektes) und ich werden jeden Freitagnachmittag von 2 Gehörlosen, die in der lokalen Eisdiele arbeiten ´unterrichtet´. So können wir nun schon das Alphabet, und ein paar Verben und Wörter.
Nachdem die Konzentration der Kinder nachlässt spielen wir entweder auf dem Gelände der Schule oder machen einen Paseo ( Ausflug). 1 bis 2 Mal in der Woche schnappen wir uns alle Kinder und besuchen ein Haus. Das ist sehr interessant zu sehen, da einige doch sehr einfach leben. Meist sind nur die Mütter zuhause. Alles super liebe, herzliche, meist ältere Senoritas. Der Unterschied zu dem städtischen Cajamarca und dem ländlichen Jesus ist schon teilweise erschreckend und stimmt einen nachdenklich über ua. unser verschwänderisches Leben.
In der knapp ¾ stündigen Busfahrt hat man genug Zeit das Erlebte revue passieren zu lassen.

Arbeit nachmittags:
Nach der Mittagspause und einem super guten Mittagsessen bei Christa fahren wir dann in das Kinderheim. Dort treffen dann früher oder später die anderen 4 Freiwilligen auf uns zu.
Der Arbeitsalltag hat sich seit der Aufgabenverteilung recht schnell gefestigt und eingependelt. Jeden Nachmittag haben wir ein anderes Programm mit den Madres im Kinderheim festgelegt.
So machen wir zum Beispiel Montags einen Paseo zu einem nahegelegenen Milchhof und kaufen Milch mit den Kindern ein, welche nach dem Abendessen dann warm mit einem Kecks genossen wird. Wenn das Wetter mitspielt bauen wir Dienstags ein riesen Trampolin auf. Mittwochs gehen wir mit einer Auswahl von Kindern in die nahegelegenen Baños del Inca. Cajamarca ist nämlich unteranderem für seine warmen Quellen und Bäder bekannt. Besonders Letty freut sich auf den Tag des schwimmengehens. Schon Tage zuvor fragt sie ob sie denn mitgehen dürfe. Aber klar ist, dass jeder einmal mit darf. Donnerstags fahren wir mit einem Combi, welcher von Christas Spendenkreis finaniert werden konnte zu dem nahegelegenen Bauernhof. Diese Ausflüge sind für die Kinder sehr wichtig wie ich finde, da sie außer dieser Unternehmungen kaum bis gar nicht aus dem Heim kommen. Gerade Anthony und Henry, 2 Gehörlose sehr agile Jungs freuen sich auf Auslauf und Bewegung.
Pünktlich gegen 17 Uhr gibt es dann im Speiseraum Abendessen. Dies sind meist die aufgewärmten Reste des Mittags, bestehend aus Suppe, Hauptspeise und einem Nachtisch.
Danach geht es für die Multis ( mehrfachbehinderten) in das Bad Zähne putzen, umziehen und danach ins Bettchen. Eine Gutenachtgeschichte, gemeinsames Unterhalten, Kuscheln gehören zur Tagesordnung. Danach ist noch etwas Zeit sich mit den Großen zu beschäftigen. Gerne wird über Gott diskutiert, Geschichten über Deutschland gehört oder einfach zusammen ein Film gesehen.

Letzte Woche waren wir mit Rude, einem Mädchen welches keine Arme besitzt, in dem großen Einkaufszentrum der Stadt. Sie hatte anfang des Monats Geburtstag und wollte sich für ihr Geburtstagsgeld eine Kleinigekeit leisten. Nachdem uns versagt wurde mit dem Kombi in die Stadt zu fahren, weil die Kinder schließlich auch den alltäglichen Umgang mit Geld und das Fahren mit dem Colectivobus lernen sollten. Also fuhren wir mit Henry, Consuelo und Rude in einem Colectivobus richtung Einkaufszentrum. Wir gaben ihnen zur Feier des Tages ein Eis aus und stöberten durch die Läden. Mit 10 Soles bekommst du hier leider nichts zum anziehen. So entschied sich Rude für eine Tasse, Oliven, die direkt auf dem Heimweg verschmaust wurden und eine kleine Torte, die nach einem verspäteten Abendessen zusammen genossen wurde. So ging ein aufregender Nachmittag für die 3 Süßen zuende.

Was in Peru ein seehr großes Ereignis darbietet sind die 15ten Geburtstage der Mädchen.
Er wird so richtig groß und kitschig gefeiert. Letty, eine Spastikerin des Heimes durfte anfang des Monats eben diesen Geburtstag feiern. Schon Wochen zuvor teilte sie einem mit, dass sie dann und dann Geburtstag habe. Als es dann endlich soweit war haben wir unzählige pinke und weiße Luftballons aufgeblasen und sie im ganzen Raum aufgehangen. Kitschige Torten, Gelatinas, leuchtend rote Bratäpfel und unzähliges mehr wurden auf der Tafel aufbereitet. Als Letty in ihrem Rollstuhl feierlich in den Raum gefahren wurde, ertönte laut Geburtstagsmusik. Letty trug ein kitschig pinkes Kleid, was eher an ein Feen-Fassenachtskostüm erinnerte. Sie war scheinbar jedoch sehr glücklich über ihr pinkes Kleidchen und das ist ja die Hauptsache. Es wurde zusammen getanzt, getrunken und gegessen und nach einer wirklich schönen, etwas anderen Feier waren wir froh, als alle Kids fertig in ihren Betten lagen.
Dadurch, dass Letty am ganzen Körper, einschließlich ihrer Mundmuskulatur, gelähmt ist, braucht man Geduld um sie beim Sprechen zu verstehen. Doch hat man sich einmal an ihre ´Sprache´ gewöhnt kann man richtig Witze mit ihr reißen und sich mit ihr unterhalten. Neulich gab sie mir den Spitznamen ´muñeca´ (Puppe)gegeben, warum wollte sie mir nicht verraten.
Wir lachen sehr viel mit den Kindern und haben sehr viel Spass miteinerander. Langsam lernt man die Macken und die Vorteile jedes einzelnen Kennen und kann sich somit besser auf sie einstellen.

Wetter, Land, Befinden:
Man merkt, dass die Regenzeit in kleinen, aber merkbaren Schritten auf uns zuschreitet. Die letzten Tage hat es wirklich viel hier geregnet. Die Strassen ähneln dann einem kleinen Fluss. Die Bürgersteige hier in der Stadt sind extra höher gebaut, damit zum einen die Füße nicht so schnell nass werden und zum anderen, dass das Wasser von oberhalb der Stadt nach ´unten´ ablaufen kann.
Auch die Dächer sind weiter hervorgebaut, sodass sie als Schutz bei den Regengüssen dienen.
Nun wohne ich mit Pia alleine in der 5-er Wg oberhalb von Sono Viso. Moni brach leider aus persönlichen Gründen ihren Dienst hier in Cajamarca ab und brach Ende September wieder nach Mainz auf. Die zwei anderen Mädels wohnen mit den beiden Jungs auf Porongo ( dem Bauernhof).
Beide Wohnorte bringen wirklich Vor- und Nachteile mit sich. Pia und ich überlegen anfang des neuen Jahres auch dorthin zu ziehen. Direkt in der idyllischen Natur und trotzdem zentral gelegen zwischen Cajamarca und dem Vorort Bagnos des Inca. Doch so spontan konnten wir unsere schöne eingelebte Wg mitten in der Stadt dann doch nicht aufgeben – man fühlte sich ja schließlich mittlerweile heimisch hier..;)
Das mit dem angedachten Sprachkurs funktionierte ja dann letztenendes doch nicht. Die Ehemalige Freiwillen warnten uns schon vor. Und in der Tat. Die Frau, die Christa für den ´Sprachkurs´ angedacht hatte, war total unkommunikativ, stellte einen für total blöd dar, war unkooperativ und konnte noch dazu nur Spanisch, was eher unpraktisch ist, wenn man selbst erst wenige Wörter spricht. Wir hackten das dann mit ihr auch recht schnell ab. Überlegten uns uns eine Privatlehrerin von er Uni zu nehmen. Bislang blieb es bei den Überlegungen.
Das Spanisch klappt aber auch ohne Sprachkurs immer besser! Man merkt von Tag zu Tag, dass man sich weitere Wörter behalten kann. Ich hätte mir das ganze zwar leichter vorgestellt, aber mit der Zeit kommt alles. Man muss nur ein weniger Geduld haben und sich ein wenig Eigeninitiative zeigen, dann wird das in naher Zukunft schon.
Sonst geht es mir auch prima.
Die Menschen sind sehr liebenswürdig und herzlich. Mit unserem peruanischen Freundeskreis, der hier obligatorisch jedes Jahr an die ´Neuen` weitergegeben wird erleben wir viel und bekommen einiges gezeigt.
Über Magen- und Darmprobleme, die immer mal wieder zu Tage kommen lässt sich meist locker drüber hinwegsehen.
Heimweh will noch lange keines aufkommen und ich bin gespannt was die nächsten Wochen so mit sich bringen werden.

Ich hoffe bei euch ist auch alles klar soweit!
Muchos saludos y abrazos desde Perú!
La Paulita

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